Orgeln in Paris
oder: "Lasst alle Hoffnung fahren!"
 

Wer auf Orgeltour nach Paris geht, steht vor einem dreifachen Dilemma: Welche Orgeln schaut man sich an, welche Kirchen nimmt man der Architektur wegen mit und überhaupt: Wenn man schon mal da ist, sollte man nicht auch gleich noch nach XY fahren, weil da ja noch eine angeblich ganz tolle CC-Orgel steht? 

Nun, mir waren diese Entscheidungen bislang weitestgehend abgenommen. Denn wenn ich in Paris war um Orgeln zu hören (und zu sehen!), dann in einer Reisegruppe mit festem, randvollem Programm. Die erste Reise im Mai 2006 umfasste Paris mit St. Sulpice, St. Trinité, St. Antoine-des-Quinze-Vingts, St. Augustin, La Madeleine, St. Denis und natürlich Notre-Dame und zusätzlich Pontoise (Kathedrale), Rouen (St. Ouen) und Laon (wiederum Kathedrale), die zweite im Oktober 2007 wiederum St. Sulpice, St. Trinité, St. Antoine-des-Quinze-Vingts, La Madeleine, St. Denis, Notre-Dame  und dazu St. Roch, Notre-Dame d'Auteuil, Ste. Clotilde und die Kathedralen von Versailles und Soissons.  

Halten wir fest: Das Programm war in beiden Fällen für knapp vier Tage das Maximum. Irgendwann kann auch der größte Orgelfanatiker keine Pfeifen mehr sehen (und hören) und seien sie zehnmal von Cavaillé-Coll. Zumal sich bei einigen Reiseteilnehmern das Interesse ja nicht in Orgeln erschöpfte, sondern auch der (Kirchen-)Architektur und den Städten selbst galt. Letzteres vor allem bei denen, die zum ersten Mal in Paris oder gar Frankreich waren.

Ich kann von Glück sagen, dass ich bis 2006 schon zweimal in Paris gewesen war (wenn auch jedes Mal weniger als 72 Stunden) und dadurch auf das Touri-Pflichtprogramm getrost verzichten konnte. Doch auch so blieb genug zu tun: Paris ist voll von Kirchen, die nicht nur organologisch, sondern auch architektonisch und/oder kunstgeschichtlich jede für sich hochinteressant sind und besucht sein wollen. Und sogar einige säkulare Bauwerke sind ganz nett anzuschauen. Doch soll hier nur die Rede von den Orgeln sein:
 

Die erste Fahrt 2006 begann mit einem Paukenschlag: St. Sulpice. Wie es unser Reiseleiter so schön formulierte: St. Sulpice ist die größte, St. Ouen die voluminöseste und Notre-Dame die lauteste Orgel Cavaillé-Colls. Wer die Orgel von St. Sulpice (wie ich) nur von CDs kennt, wird womöglich enttäuscht sein, wenn er sie erstmals "in realiter" hört: Die Orgel hat berückenden Schmelz, klingt groß und satt, wirkt aber angesichts des weiten Raumes mit ihren über 100 Registern keineswegs übermäßig laut, sondern etwa wie die Cavaillé-Coll-Orgel von Notre-Dame d'Auteuil oder andere mittlere Instrumente, die nicht einmal halb so viele Register haben! Das liegt natürlich großteils an dem akustisch (diplomatisch ausgedrückt) ungünstigen Chalgrin-Gehäuse, das architektonisch allerdings seinesgleichen sucht. Dieser dorische Tempel mit seinen  massiven (!) Säulen und überlebensgroßen Figuren vor den Pfeifenmündungen frisst den Klang schlichtweg auf. Selbst eine Bombarde 32’ klingt in dieser Umgebung fast wie ein Kätzchenschnurren (zugegeben, wie das Schnurren einer sehr großen Katze!). Man verstehe mich nicht falsch: Die Orgel klingt imposant, hat traumhafte Klangfarben. Aber angesichts der 102 Register auf dem Papier klingt die Orgel geradezu schockierend brav und zurückhaltend.
Was im übrigen wohl nur wenigen bewusst ist: In dieser als Inbegriff französisch-romantischer Orgelkunst geltenden Orgel von St-Sulpice hat Cavaillé-Coll nolens volens zahlreiche Stimmen der barocken Vorgängerorgel von Cliquot weiterverwendet. Und das so pietätvoll, dass ein authentisches Spiel französisch-klassischer Literatur heute noch ohne weiteres möglich ist. Die Mischung aus barocken Mixturen, Cornets und Zungen und Cavaillé-Collschen Prinzipalen, Streichern und Flöten ist, man glaubt es auf dem Papier kaum, ganz außerordentlich gut gelungen. Man könnte von einer Kompromissorgel wider Willen sprechen, die vielleicht gerade deshalb so überzeugend klingt.

(Wer mehr über dieses absolut faszinierende Instrument wissen und vielleicht sogar einmal Maître Daniel Roth am Spieltisch in Aktion erleben möchte, sei auf www.stsulpice.com verwiesen.)


Ergänzend sei noch erwähnt, dass es auf der Empore von St. Sulpice wirklich sagenhaft eng ist. Die französischen Orgelemporen scheinen immer sehr knapp dimensioniert zu sein, aber in St. Sulpice ist sie es ganz besonders. Zwischen Haupt-gehäuse und Pros-pektpfeifen des Rückpositivs (das ja stumm und hohl ist, siehe Foto) liegen allerhöchstens drei Meter, von denen der Spieltisch in seiner Tiefe fast zwei beansprucht. Auch zu beiden Seiten des Spieltisches hin bleibt jeweils nur ein knapper Meter fünfzig bis zum hufeisenförmigen Orgelgehäuse. Nichts für Menschen mit Platzangst.  


Auch in der Trinité ist zwischen Orgelgehäuse und Emporen-brüstung gerade noch genug Platz für den Spieltisch und einen nicht allzu vollschlanken Menschen. Doch klanglich ist hier schier kein Vergleich mit St-Sulpice möglich. Diese Orgel klingt sehr knackig, biegsam, frisch. Zugegeben, sie ist auch nicht mehr so original erhalten wie St-Sulpice und ihre Disposition wurde doch merklich „aufgefrischt“. Nichts desto trotz: Ein typischer CC-Sound. Nur halt nicht ganz so dunkel-mystisch wie original. Der Kontrast zu St. Sulpice ist enorm. Die Orgel ist nur knapp halb so groß und besitzt keinen lingualen 32’ und doch klingt sie wesentlich präsenter und kräftiger im Raum und die Bombarde 16’ gibt sich alle Mühe, als 32’ zu erscheinen.
Der dortige Organist, Naji Hakim (ja nun nicht eben ein Unbekannter), darf übrigens pro Woche an seiner Orgel sage und schreibe DREI STUNDEN üben!!! Unser Récital wurde davon natürlich abgezogen! Nicht zu fassen. Allerdings lag ja auch Alexandre Guilmant, auch er ein berühmter Organist in der Trinité, überkreuz mit seinem Pfarrherrn...

Übrigens sind die berühmten Pariser (und auch sonstwo in Frankreich) Organistenstellen erbärmlich schlecht bezahlt. Warum? Anders als in deutschland gibt es in Frankreich keine Kirchensteuer und die Gemein-den leben einzig und allein von den Spenden ihrer Mitglieder. Da ist ein Gehalt für den Organiste titulaire schlicht nicht drin. Zudem lautet die Philosophie der Kirche: Wer es geschafft hat, einen der heißbegehrten Organistenposten an einer der berühmten Kirchen zu bekommen, sollte ohne große Mühe sein Salär durch Konzerte, CD-Einspielungen und Lehraufträge aufbessern können.
Die Finanzknappheit der Kirchen und die Geizigkeit des Staates (dem in der Regel die Kirchengebäude gehören) hat noch einen weiteren Effekt: Anders als beispielsweise in Deutschland, wo die historisierenden Ausmalungen in den Kirchen nach dem zweiten Weltkrieg nahezu restlos beseitigt wurden, sind die meisten französischen Kirchen noch üppig ausgemalt. Allerdings - das ist die Kehrseite der Medaille - sind die Kirchen und mit ihnen die Kunstwerke darin nur allzuoft in jämmerlichem Zustand (Das Foto zeigt eine Seitenkapelle in St. Sulpice).


Ähnlich wie die Orgel der Trinité, nur etwas dunkler imKlang, kommt die Orgel von Notre-Dame d'Auteuil daher. Ihre Genesis ist fast zu fantastisch, um wahr zu sein, doch trug es sich tatsächlich so zu: Als die Kirche in den 1860er Jahren bestellte der Pfarrer der Gemeinde, der mit Cavaillé-Coll eng befreundete Abbé de Lamazou, bei diesem eine Orgel. Diese war etwas vor der Kirche fertig und harrte in Cavaillé-Colls Werkstatt ihrer Betimmung.
Nun stand aber die erste Pariser Weltausstellung vor der Tür und die Verantwortlichen beschlossen erst auf den wortwörtlich letzten Drücker, in das Trocadéro-Palais eine Orgel einbauen zu lassen. Diese musste natürlich vom Feinsten, also von Cavaillé-Coll sein. Um eine dem Raum angemessene Orgel neu zu bauen, reichte die Zeit aber nicht aus. So lieh man sich allen Ernstes die Orgel, die für Notre-Dame d'Auteuil bestimmt war, mit dem hochheiligen Versprechen, sie sofort nach Beendigung der Ausstellung an die Gemeinde herauszugeben.
Nur war auch diese Orgel für den riesigen Hufeisensaal des Trocadéro schlicht zu klein, so dass CC sie um einige Register und zwei monumentale Pedaltürme erweiterte, was höchst verwirrende Besitzverhältnisse zur Folge hatte: Die Orgel an sich gehörte der Gemeinde, die sie ursprünglich bestellt (und bezahlt!) hatte, die Erweiterungen der Stadt Paris...
Die Weltausstellung nahm ihren Lauf und die ganze Pariser Orgelelite, insbesondere Charles-Marie Widor und Alexandre Guilmant, konzertierte im Trocadéro unter großem Publikums-andrang. Der Erfolg war so groß, dass nach Beendigung der Ausstellung von einem Abriss des Trocadéro (wie ursprünglich geplant) und der Rückgabe der Orgel keine Rede mehr sein konnte. Nach langem Hin und Her wurde die Gemeinde ausbezahlt und konnte sich ein neues Instrument bestellen, natürlich wiederum von Cavaillé-Coll. Und das steht noch heute dort, in recht originaler Form und Klangpracht.
Überhaupt  scheinen Cavaillé-Coll Orgeln dieser mittleren Größe um 40-50 Register herum zumeist besonders gut gelungen zu sein. Sie klingen warm und kräftig, im Tutti niemals unangenehm oder gar schreiend und doch auch mit der leisesten Flöte im ganzen Raum tragend. Ganz anders als deutsche Instrumente dieser Größenordnung aus den letzten 150 Jahren.


Ein Opus ähnlicher Größe, aber aus Cavaillé-Colls später Phase steht in St. Antoine-des-Quinze- Vingts. Auch diese Orgel hat eine regelrecht bizarre Geschichte: Gebaut wurde sie nicht für eine Kirche, sondern als Hausorgel (!) für die Pariser Stadtwohnung des sagenhaft reichen Baron Albert de l’Espée. Da dieser die Orgel in der Hauptsache für Wagner- Transkriptionen nutze, stattete Cavaillé-Coll das Instrument in unüblicher Weise mit zwei Schwellwerken (Récit und Positif) aus. Der Baron trennte sich allerdings schon nach wenigen Jahren wieder von seinem Instrument, da sich seine Nachbarn massiv über das mitternächtliche Orgelspiel beschwert hatten. Stattdessen ließ er sich, wiederum von Cavaillé-Coll, für sein recht kurioses Schloss in Biarritz eine noch größere Orgel erbauen, die er aber auch nach wenigen Jahren an Cavaillé-Coll zurückverkaufte und die heute ebenfalls in einer Pariser Kirche steht, nämlich in Sacre-Coeur.  Die Orgel von St-Antoine ist im Zustand von 1889, als sie in die Kirche transferiert wurde, erhalten.
Beide Orgeln, in St. Antoine-des-Quinze-Vingts wie in Sacre-Coeur, sind in ihrem Klang wesentlich dunkler und mystischer als ihre älteren Geschwister. Durch ihre zunächst kirchen(-musikalisch) ferne Bestimmung sind ihre Dispositionen weit mehr als bei Cavaillé-Colls Kirchen-Instrumenten üblich orchestral geprägt und durch ihre zwei Schwellwerke dynamisch noch flexibler. Trotzdem (oder gerade deswegen?) gelten gerade diese beiden Orgeln als Paradebeispiele des Cavaillé-Collschen Orgeltypus der späteren Jahre.


Eine Orgel ganz anderen Kalibers steht in der sehr zentral gelegenen Kirche St-Roch, nördlich des Louvre. Hier baute Cavaillé-Coll zwischen 1840 und 1862 in mehreren Bauabschnit- ten eines seiner typischen "Recycling- Instrumente". Gehäuse und ein Großteil des Pfeifenwerks wurden aus der barocken Vorgängerorgel über- nommen, wie eigentlich immer, wenn Cavaillé- Coll eine Orgel um- baute, an der zuvor die berühmte Orgelbauersippe der Cliquots gearbeitet hatte. CC scheint von den Arbeiten dieser seiner Vorgänger viel gehalten zu haben, denn die Wiederverwendung von Material geschah nicht selten gegen den Widerstand der Kirchengemeinde, also der Auftraggeber!
St-Roch beherbergt also ein "Kompromissinstrument" reinster Güte, mit barocken Mixturen und Zungen und romantischen Grundstimmen. Das klangliche Ergebnis ist wie immer verblüffend. Französisch-barocke Musik klingt (für unsere teutonischen Ohren) ebenso überzeugend wie romantische.

Ganz ähnlich wie in St-Roch ist auch die Orgelgeschichte in der Kathedrale in Versailles (nicht zu verwechseln mit der Schloss-kapelle!): Ursprünglich erbaut von Cliquot, wurde die Orgel in den 1860er Jahren zweimal von Cavaillé-Coll umgebaut und um ein achregistriges Récit erweitert. Von der Cliquot-Orgel sind noch sämtliche (!) Zungen, viele Prinzipale, Mixturen und Gedackte erhalten. Von Cavaillé stammen hauptsächlich traumhaft schöne Flöten, ein paar Zungen, Streicher und eine neue Mechanik. Der Klang dieser Orgel ist umwerfend: 46 Register füllen die nun wirklich nicht kleine Kathedrale kraftvoll und mühelos bis in den letzten hintersten Winkel. Allerdings sind derartige Instrumente im Klang eher etwas lichter und leichter als "reinrassige" Cavaillé-Coll-Orgeln. Auch die Zungen sind etwas spröder, nicht ganz so wuchtig wie die, die Cavaillé-Coll neu baute.  Und doch, hier klingt Alain genauso gut wie Couperin! Auffällig sind auch die für unsere deutschen Ohren sehr milden und so gar nicht spitzen Mixturen, was zum einen aus ihrer Intonation resultiert, zum anderen darauf, dass sie recht tief liegen. Auch diese spätbarocken Mixturen übernahm Cavaillé-Coll häufig.


Die Kathedrale von Pontoise beherbergt eine Cavaillé- Coll-Orgel, die, wiewohl in den ursprünglichen Zustand von 1877 zurückversetzt, ein  Schattendasein fristet und diskografisch nicht bekannt ist. Vollkommen zu Unrecht! Zwar ist die Orgel, wie auch die Kirche, in keinem taufrischen Zustand, doch tut das ihrem Klangzauber keinen Abbruch. "Sankt Aristide" hat auch hier, wie so oft, eine Synthese aus alt und neu verwirklicht.


Höhepunkt Nr. 2 der 2006er Reise war ein-deutig Rouen. Nun war zwar bei Lichte betrach-tet JEDE der Orgeln auf diesen Reisen ein Höhe-punkt, doch in meinem per- sönlichen Cavaillé-Coll-Ranking sind die Plätze 1-3 seit jeher wie folgt belegt: 1) Rouen, St. Ouen 2) Paris, Notre-Dame 3) Paris, St. Sulpice. In Rouen trat für mich allerdings die Orgel zunächst völlig in den Hintergrund. Ich war, kaum dass wir die Kirche betreten hatten, so völlig überwältigt von diesem spätgotischen Raum und seinem Flamboyant-Maßwerk, dass die Orgel erst einmal abgemeldet war. Der Raum selbst nahm mich viel zu sehr gefangen. Erst, als ich mich nach etwas weniger als einer Stunde fürs erste an ihm satt gesehen hatte, hatte ich Augen und Ohren für SIE.
Es ist wirklich erstaunlich: Diese wahrlich nicht kleine Orgel verschwindet beinahe in dieser Kirche mit ihren 33 Metern Höhe und sicher 12 Metern Breite im Mittelschiff. Was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass sie im Vergleich mit anderen Kirchen dieses Ausmaßes, verhältnismäßig tief, nämlich fast exakt mittig, an der Westwand steht. Dadurch bekommt die Orgel in St. Ouen aber auch diesen wahnsinnig intensiven (nicht lauten!), direkten Klang. Die Orgel ist wirklich ein akustisches Juwel. Warm, mystisch dunkel, aber nie mulmig und verschwommen wie deutsche Orgeln dieser Zeit, sondern stets klar und präzise. Im Piano wie im Tutti gleichermaßen im Raum präsent und auch im Chor und selbst in den Quer- und Seitenschiffen sehr gut zu hören. Bei den Chamades sollte man übrigens keine Krachmacher à la Notre-Dame erwarten. Sie sollen nicht laut sein, sondern färben den Klang der Orgel charakteristisch, anstatt ihn zu übertönen. St. Ouen stellt den frankophilen Orgelfreund mit archi-tektonischem Faible (lies: Leute wie mich) vor eine schier unlösbare Aufgabe: Sich zu entscheiden zwischen Raum und Instrument. Beide sind von so außerordentlicher Schönheit, dass man sich immer zwischen ihnen hin und her gerissen sieht wie zwischen zwei köstlichen Früchten.


Der letzte Programmpunkt des an Höhepunkten gewiss nicht armen zweiten Tages der 2006er Reise machte die grazile Schönheit von St. Ouen nur noch deutlicher: St. Denis ist zwar die Wiege der französischen Gotik, Grabes- kirche der französischen Könige und Heimat von Cavaillé-Colls Opus 1, aber all das kann den Kontrast zu St. Ouen nicht mildern. Natürlich liegen zwischen beiden Bauten auch mehrere hundert Jahre. Zudem ist St. Denis im Gegensatz zu St. Ouen in einem schlechten Zustand. Der 1854 einge- stürzte Nordwestturm fehlt noch immer, die Kirche starrt außen vom Dreck der Jahrhunderte, der Innenraum ist derzeit eine einzige große Baustelle. Zudem ist St. Denis zwangsläufig mit den Grabmälern zahlloser französischer Könige und ihrer Angehörigen angefüllt, die mit abnehmendem Alter an Monumentalität zunehmen und nur allzu oft in krassem stilistischem Gegensatz zum sie um-gebenden Bauwerk stehen.
Die Orgel dagegen fügt sich, im mehr als Halbdunkel der Kirche fast unsichtbar, mit ihrer Neogotik recht harmonisch in den Raum ein. Wer hier symphonische Cavaillé-Coll-Klänge erwartet, wird, wie ich mal wieder, enttäuscht. Diese Orgel ist noch ganz der spätklassischen französischen Orgelbautradition verhaftet und führt diese zu einem monumentalen Abschluss. Der Klang ist frisch und klar, weit entfernt vom satt-dunklen Klang St. Ouens. Die Zungenchöre sind nach traditionellem Muster oftmals doppelt besetzt und auf ein kontrastierendes Gegeneinander ausgelegt. Sicher, Franck klingt hier überzeugend, ebenso Saint-Saens oder Lefébure-Wély. De Gringy, Clérambault und Corette aber eben auch.


St. Augustin. Wieder einmal keine Cavaillé- Coll-Orgel aus einem Guß. Erbaut wurde die Orgel 1868 als eine der ersten Orgeln mit elektropneuma- tischer Traktur durch Verschnei- der (zusammen mit Charles Barker, den Erfinder des gleichnamigen Hebels, der für den französischen Orgelbau so immens wichtig werden sollte). 1899 mechanisierte Cavaillé-Coll die Orgel, die modernere Traktur war wohl nicht überzeugend gelungen. Barker hatte übrigens mit seinen eigenen Orgelbauten nicht allzu viel Glück: Seine Orgeln wurden oftmals rasch ersetzt oder zumindest tiefgreifend umgebaut. Sein (mutmaßliches) Opus maximum in St-Eustache zerstörte er auch noch selbst, wenn gleich unabsichtlich: Eine im Orgelinnern fallengelassene Kerze ver- nichtete das gesamte Instrument und beinahe auch die Kirche. 
Die Kirche ist im Übrigen in einem derart bedenklichen Zustand, dass die Gemeinde ihre Messen in der benachbarten Madeleine abhält. Für uns schien dagegen keine Gefahr zu bestehen...
Offen gestanden: In St-Augustin hat mich der Kirchenraum mehr begeistert (erster Kirchenbau in Paris mit einem Eisenskelett) als die Orgel. Vielleicht lag das aber auch schlichtweg an dem schon erwähnten Überangebot an fantastischen Orgeln...


Aber jetzt! La Madeleine! Hier kehrte sich für mich das Verhältnis von Raum und Orgel um. Ersterer ist in meinen Augen schlichtweg geschmacklos. Dieses Übermaß an Schnörkeln, Marmor, Stuck und Gold, dieser krasse Gegensatz zwischen außen und innen! Außen à la griechische Antike, innen à la italienische Renaissance. Nun ja. Die Orgel hat optisch einen  gewissen Reiz, ist mir letztendlich aber auch zu protzig. Klanglich hingegen sehr fein. Das ist charakteristisch für alle Orgeln, die wir auf dieser Fahrt gehört haben:  Sie füllen den Raum, kleiden ihn mit Wohlklang aus, aber immer, ohne zu brüllen. Und wer Chamaden nur von CDs (schlimmstenfalls die von Notre-Dame de Paris) gewohnt ist, wird hier wie in Rouen  sein blaues Wunder erleben: Cavaillé-Colls Chamades quäken nicht, sondern sie fungieren durch ihre überdeutlichen Obertöne quasi als Zungen-Mixturen. Kraft ja, aber kein Geschrei. Die Chamaden sind in der Madeleine übrigens so geschickt und diskret angebracht, dass zumindest ich sie nur von einer bestimmten Position (recht weit unter der Orgel) erkennen konnte.


2007 folgte auf die Madeleine Ste-Clotilde mit der Orgel César Francks. Nun ja, oder was von ihr noch übrig ist. Nachdem schon Charles Tournemire und Jean Langlais, zwei weitere hochberühmte Titulaires von Ste-Clotilde, die Orgel jeweils nach ihren Vorstellungen umgebaut hatten, griff der derzeitige Titulaire Jaques Taddei 2004 nochmals tief in die Schatulle und "restaurierte" die Orgel auf den modernsten Stand mit zweitem fahrbarem Spieltisch, Anschluss der Chororgel, Chamades etc.
Das klangliche Ergebnis ist enttäuschend. Vom Klangzauber Cavaillé-Colls ist nichts mehr übrig, die Orgel klingt wie "von der Stange", kühl, hart, flach. Schade drum.


Vor der Krönung des dritten Tages 2006 hatten einige ja geradezu Angst: Denn die Orgel von Notre-Dame ist ja nicht eben für mangelnde Lautstärke bekannt. Zugegeben, die Orgel IST laut. Aber wiederum gilt: sie brüllt nicht (auf der Empore gilt dieser Satz allerdings nur bedingt). Die hohe Lautstärke ist nicht schmerzhaft. Nun gut, vielleicht doch bei den Cocherau-Chamades. Die sind wirklich enorm aggressiv, dabei sollen sie schon abgemildert worden sein. Der Organist, der ja direkt unter ihnen sitzt, tut einem trotzdem leid. Aber die Bombarde 32'! Ah, ein melodischeres Donnergrollen habe ich nie vernommen! Was ihrer Schwester in St-Sulpice fehlt, hat sie schon fast im Übermaß: Biß.
Insgesamt gilt wirklich: Diese Orgel ist nichts für Kammermusik. Aber als Hauptorgel DER Kirche Frankreichs ist sie durchaus angemessen.
Ich gestehe es ganz offen: Hier war 2006 für mich der absolute Höhepunkt der vier Reisetage gekommen. Nicht, weil es mit vergönnt war, diese Orgel live hören zu können, auch nicht, weil Olivier Latry höchstselbst für uns improvisierte. Nein, es war die Tatsache, dass wir das für mich unglaubliche Glück hatten, Notre-Dame ganz für uns allein zu haben, ohne Touristenströme. Wer diese Kirche gezwungenermaßen nur als einer von tausenden durchgeschleusten Touristen kennt, bekommt nur einen sehr schwachen Eindruck von der fast überirdischen  Schönheit und Erhabenheit dieses Raumes. Auch hier rückte für mich wieder die Orgel, die ja eigentlich das Zentrum hätte sein sollen und für die allermeisten auch war, weit weg. Ich hatte die nie erwartete Gelegenheit, das in meinen Augen schönste Maßwerkfenster überhaupt, die Rosette des Nordquerhauses von Notre-Dame, endlich einmal so ausgiebig wie ich nur wollte und vor allem in aller Ruhe betrachten zu können. Hier war für mich ein nie geträumter, weil mir viel zu unwahrscheinlich erscheinender, Traum Wirklichkeit geworden.


2007 gab es vor dem Besuch von Notre-Dame (diesmal MIT den ebenso unvermeidlichen wie endlosen Touristen-strömen) ein Kontrast-programm im Form der Orgel von St-Louis-en-Île, nahe an Notre-Dame gelegen.
Gebaut 2003 von Aubertin in Anlehnung an nord- und mitteldeutsche Instrumente des Barock, bildet sie quasi den Gegenpol zur Hyper-Romantik Notre-Dames.
Wenn man, wie wir, seit Tagen nur romantische oder romantisch geprägte Instrumente französischer Provinienz gehört hat, ist der Klang dieser Orgel zunächst wie ein Kaltwasserguß. Ein vollkommen anderes Klangideal eben. Doch spricht diese "deutsche" Orgel mit einem kräftigen französischen Akzent, kann ihre Herkunft aus den Händen eines französischen Orgelbauers nicht verleugnen.
Im Klang recht harsch, für den Raum eher zu kräftig, kommen die Zungen, insbesondere die des Pedals, sehr massig daher. Zwar ist ihnen das leicht nasale Timbre der Vorbilder zu eigen, doch sind diese weitaus schlanker, weniger dick. Der 32' heißt verharmlosend Kontra-Dulzian, hätte sich den Titel "Bombarde" aber redlich verdient.


Den Abschluss bildete 2006 die Kathedrale von Laon. Schon allein dieses Bauwerk hätte die ganze Reise gerechtfertigt! Erst recht zusammen mit St-Quen/Rouen und Notre-Dame de Paris.  Wer etwas über die Philosophie der französischen Kathedralgotik lernen will, muss hierher kommen!
Die Orgel ist in diesem Falle von Cavaillé-Coll, sondern von Didier, der sie 1899 auf Verlangen der Auftraggeber aber à la Cavaillé-Coll bauen musste. Selbst der Spieltisch ist eine perfekte Kopie. Die Orgel klingt ein wenig flacher als ihre Vorbilder, aber im gesamten Raum trotzdem voll und satt. Symphonisches Strömen anstatt orgiastisches Brausen wie in Notre-Dame.
Der Gerechtigkeit halber muss allerdings gesagt werden, dass die Orgel seit ihrer Erbauung erst einmal gereinigt wurde und ansonsten den Orgelbauer nur zum Stimmen der Zungen sieht! Französische Wertarbeit in Reinkultur. Nicht auszudenken, was eine schlichte Generalreinigung mit Nachintonation und Trakturregulierung aus dieser Orgel machen könnte! Zunächst einmal ist die Orgel jedoch seit Sommer 2007 Wind,  Wetter und Dreck ausgesetzt, da die Verglasung der Westrosette im Rahmen der Fassadenrestaurierung ausgebaut wurde...


2007 ging es am letzten Tag vor dem Abschluss in Laon noch nach Soissons, in dessen Kathedrale eine "Orgue neo-klassique" aus dem Hause Gonzalez von 1956 steht.
Zwar liest sich die Disposition nicht allzu dramatisch, noch immer gibt es bei 68 Registern 24 labiale 16' und 8', doch lässt der Klang die radikale Abkehr vom romantisch-symphonischen Klangideal erkennen.
Die Orgel klingt sehr verhalten, fast wie unter dicken Tüchern begraben, unterhalb des Tutti will sich ein "satter" Klang nicht einstellen. Und auch noch im Tutti klingt diese Orgel für den gewaltigen Raum sehr, sehr mager. Symphonisches Brausen ade, willkommen in der neuen Sachlichkeit...


Ein Resumée? Ja. Ein wenig beschleicht mich ein schlechtes Gewissen, denn für mich spielten allzu oft die Orgeln, um die es doch gehen sollte, die zweite Geige und wurden ausgestochen von ihren Behausungen. Aber es gibt auch einfach so viele wahnsinnig schöne Kirchen in Frankreich und in Paris besonders. Bei nächster Gelegenheit plane ich für halb so viele Orte doppelt so viel Zeit ein. Französische Kathedralgotik will geatmet und aufgesogen werden, nicht im vorüberhasten flüchtig wahrgenommen.

Was die Orgeln betrifft, so ist mein Fazit recht  pessimistisch:
Wer die in Deutschland gerade so modischen Instrumente "à la romantique francaise" kennt, wird in Frankreich erst einmal einen Kulturschock erleiden. Verglichen mit den Originalen klingen unsere deutschen französisch-symphonischen Orgeln immer noch durch und durch teutonisch: Hart, grob, oftmals brüllend und drückend laut, ohne Schmelz und intimes Funkeln. Was um so erstaunlicher ist, als viele deutsche Orgelbauer in den letzten 150 Jahren doch in Frankreich, besonders aber bei Cavaillé-Coll in die Lehre gegangen sind. Doch scheint es, als wohne den Instrumenten Cavaillé-Colls eine Genialität inne, die nicht abgekupfert werden kann. Dies wird auch schon in Frankreich selbst deutlich: Die Instrumente von St-Joseph-des-Nations und in der Kathedrale von Laon beispielsweise stammen beide von namhaften französischen Orgelbauern aus der Zeit Cavaillé-Colls, doch erreichen sie nicht im Entferntesten den Klangzauber der Instrumente aus der Werkstatt Cavaillé-Colls.

Man kann allen Organisten und Orgelbauern, die sich in Deutschland (und anderswo) darum bemühen, Cavaillé-Coll und Kollegen nachzuahmen, ja zu kopieren, nur zurufen: „Lasst alle Hoffnung fahren!“. Zum einen, weil sich weder ein Cavaillé-Coll, noch ein Reinburg oder Merklin oder Schnitger oder Gabler jemals wird wirklich kopieren lassen. Zum anderen haben wir schlicht nicht die passenden Räume. Orgel und Raum lassen sich nicht trennen und der Satz "Das wichtigste Register einer Orgel ist der Raum in dem sie steht" zeigt sich hier als nur zu wahr. Die französisch-symphonische Orgel und die Musik der dazu gehörenden Komponisten braucht ihre französische Kathedralakustik, wie sie in Paris sogar in "kleineren" Kirchen (auch die haben bisweilen durchaus Kathedralmaße) herrscht. Ohne solche Räume bleiben diese Orgeln immer ein Schatten ihrer selbst.

 


 

   

 

 
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